Hintergrundsberichte

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Im Fall des Falles!

Warum bedarf ein Sturzprophylaxetrainer einer besonders kompetenten Ausbildung?

Friederike Ziganek-Soehlke, nach Artikel von Frau Dr. Ellen Freiberger, April 2010

Die Auswirkungen des demografischen Wandels eröffnen viele Chancen, bringen aber auch Probleme mit sich. Eines ist, dass in Deutschland jedes Jahr zwischen vier und fünf Millionen ältere Menschen unbeabsichtigt stürzen. Bei Menschen, die bereits gestürzt sind, liegt die Angst wieder zu stürzen, bei 60-90 %. Es sind nicht nur die Knochen, die brechen, auch das Selbstbewusstsein leidet.

Die Empfehlungen zur Sturzprävention betreffen vor allem zwei Gruppen. Das sind ältere Menschen mit…
º moderatem Risiko zu stürzen
º hohem Sturzrisiko, die bereits hilfsbedürftig sind und körperliche Einschränkungen haben.

Welche Maßnahmen reduzieren die Zahl der Stürze bei älteren Menschen?

Die Forschung weist nach, dass nachlassende Gleichgewichtsfähigkeiten und zu schwache Muskelkraft Ursache für häufiges Hinfallen bei älteren Menschen ist. Fest steht, dass kein Präventionsprogramm ohne ein zielgerichtetes und entsprechend progressives Krafttraining auskommt. Ebenso sind die Schulung von Gleichgewichts- und Gangtraining unabdingbar, sowie die Förderung der Koordination, also der Mehrfachhandlungen, und der Kognition.

Meinen Beobachtungen zu Folge, wissenschaftlich jedoch noch nicht genügend belegt, spielt die innere Verfassung eine bislang bei weitem unterschätzte Rolle, nämlich die Selbstsicherheit, das Selbstwertgefühl, die Selbsteinschätzung und der Mut, bzw. der Umgang mit der Angst. Werden diese gestärkt profitiert das gesamte Gleichgewicht. Die menschliche Resonanz spielt dabei eine wichtige Rolle. Unterstützend wirken Kommunikations- und Kognitionsschulung. Sie fördern bei richtiger Therapie die Innerlichkeit.

Ausreichend belegt ist der Nachweis, dass Inaktivität das Sturzrisiko erhöht. Da gehört Aufklärung her. Man fällt bei der Bewegung. Warum soll man sich dann noch mehr bewegen? Diese Widersprüchlichkeit für Laien bedarf eines einfühlsamen Lehrmeisters.

Was sind mögliche Folgen eines Sturzes bei älteren Menschen?

Das Problem ist der Teufelskreis, der so entsteht: Aus Angst zu stürzen, bewegen sich die Menschen immer weniger. Wer sich nicht bewegt, hält nicht seine Kompetenzen in Schwung. Das beschleunigt den Zyklus des Alterungsprozess in einem steileren Abbau. Sehr rasch leiden die Mobilität, bald die Aktivität, somit auch Muskelkraft, Beweglichkeit, Kreislauf und Atmung und die sozialen Kontakte. Das heißt, der Mensch wird anfälliger, kränker, einsamer, unglücklicher.

Alle finanziellen Ressourcen – die individuellen und die der Solidargemeinschaft – werden für die Pflege verbraucht statt für die schönen Seiten des Lebens, wie Besuche und Reisen machen, ins Theater gehen etc. „Wenn wir die Kosten, die durch Stürze entstehen, angesichts des demografischen Wandels nicht in den Griff kriegen, werden diese explodieren“ (Dr. Ellen Freiberger) .

Welche Rolle spielen dabei Partner im organisierten Sport?

Es wird künftig immens wichtig sein, flächendeckend zielgerichtete Sturzpräventionsprogramme anzubieten. Alle Berufsgruppen müssen angesprochen werden: Übungsleiter, Gymnastik- und Sportlehrer, Physio-, Sport- und Ergotherapeuten, Ärzte und Pfleger; nicht zu letzt auch Angehörige und Betroffene, also jeder (wer lange genug lebt, kommt in die hohe Risikozone).

Wie kann der Sporttherapeut zur Verringerung des Sturzrisikos beitragen?

Von großer Bedeutung ist es, dass die Programme ausreichend häufig (zwei Mal pro Woche) und über längere Zeiträume (mind. drei Monate, drei mal pro Jahr) angeboten werden. Mittelpunkt ist das Balancetraining mit zunehmender Schwierigkeit. Hinzu kommt die Schulung der Wahrnehmung, der Kommunikation, Kognition und aller anderen motorischen Grundfähigkeiten. Außerdem sollte er Elemente einbinden, die in evtl. vorausgegangenen Einzeltherapien geübt wurden. Das Training muss progressiv sein, also raus aus der Komfort-Zone. Der Sporttherapeut muss seine Zielgruppe genau analysieren, jede Gruppe ist anders, und das Risiko einstufen. Viel Geschicklichkeit und Fachwissen wird von ihm verlangt, wenn es darum geht jeden dieser inhomogenen Gruppe in individuellem Maß zu fördern. Je älter die Menschen, umso verschiedener sind sie. Last not least soll die Bewegungsfreude angeregt, desgleichen die Lebensfreude unterstützt werden. Um lebenslange Sturzprävention zu betreiben braucht es Motivation. Dazu kann kompetente, nette und würdige Ansprache beitragen.

Logisch ist, dass oben stehende Aspekte eine gründliche Ausbildung erfordern.

Conclusio: Ein Übungsleiter für Sturzprophylaxe muss über folgende Fähigkeiten verfügen:

1. Einfühlungsvermögen
2. Geriatrisches und psychologisches Wissen
3. Methodik und Didaktik
4. Trainingslehre
5. Breitgefächerte Fachkenntnisse von sehr vielen Übungen
6. Variationsmöglichkeiten einzelner Übungen
7. positives und respektvolles Auftreten
8. Erfahrungen im Umgang mit älteren und/oder behinderten Menschen
9. hohe Motivation
10. Toleranz und Flexibilität

weiterführend das Empfehlungspapier
der Bundesinitiative Sturzprävention:

Download PDF

 

Zeitschrift „Praxis Ergotherapie“

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Fachartikel:

Friederike Ziganek-Soehlke:

 „Sport und Bewegung nach

Schlaganfall“

siehe link unten :

ergo-05-15-Ziganek-Soehlke endfassung